Monetäres Vertrauen II – Warum institutionelle Anleger nach den Erfahrungen der Immobilienkrise nicht nur ihre Investments, sondern auch ihre Entscheidungsprozesse hinterfragen sollten. Im WMD Brokerchannel erschien Anfang August 2026 der erste Teil der Reihe Monetäres Vertrauen. Dieser wird nun auch im Immobilienbrief am 11.09.2026 zweitveröffentlich.
Ein Essay von Edmund Pelikan
Immobilien gelten als langfristig, mehr oder wenig wertbeständig und berechenbar. Sie produzieren laufende Erträge, besitzen einen realen Gegenwert und waren über Jahre ein verlässlicher Baustein institutioneller Portfolios. Dann kamen Zinswende, Bewertungsabschläge, Refinanzierungsprobleme, Projektentwicklerinsolvenzen und Liquiditätsengpässe. Das gehört zum Thema Märkte. Interessanter ist deshalb eine andere Frage: Wie gut waren eigentlich die Entscheidungen, mit denen professionelle Anleger in diese Investments gekommen sind?
In meinem ersten Beitrag zum monetären Vertrauen habe ich die These formuliert, dass ein blinder Fleck institutioneller Kapitalanlage möglicherweise weniger im Investment selbst als in der Qualität der Entscheidung liegt, die zu diesem Investment geführt hat.
Ein Wertverlust beweist schließlich noch keine schlechte Entscheidung. Umgekehrt macht eine positive Performance aus einem schlechten Entscheidungsprozess noch keinen guten. Entscheidend ist, auf welcher Informationsgrundlage, mit welchen Annahmen und unter welchem Verständnis eine Anlageentscheidung getroffen wurde.
Deshalb sollte die Aufarbeitung problematischer Investments die Frage in den Vordergrund stellen: „Was müssen wir heute verändern, damit wir morgen besser entscheiden?“ und „Wenn alle prüfen – wer prüft das Ganze?“
Institutionelle Anlageentscheidungen entstehen selten durch eine einzelne Person. Vorstände, Anlageausschüsse und Aufsichtsgremien treffen auf interne Fachabteilungen, Investment Consultants, Asset Manager, Banken, Rechtsanwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Diese Arbeitsteilung ist Ausdruck professioneller Kapitalanlage. Sie kann aber zugleich eine Schwachstelle erzeugen. Der Rechtsanwalt beurteilt rechtliche Sachverhalte. Der Steuerberater steuerliche Fragen. Der Wirtschaftsprüfer prüft innerhalb seines Auftrags. Asset Manager und Anlageberater analysieren Investments. Alles richtig.
Aber wer prüft die Verbindungen dazwischen?
Wer stellt sicher, dass entscheidungsrelevante Informationen vollständig beim zuständigen Gremium angekommen sind? Wer erkennt Abhängigkeiten zwischen Informationsgebern, Beratern und Produktanbietern? Wer hinterfragt Gegenpositionen? Und wer kann Jahre später noch nachvollziehen, welche Annahmen für eine Entscheidung ausschlaggebend waren?
Genau hier beginnt das, was ich unter monetärer Entscheidungsarchitektur verstehe. Es geht nicht um eine zusätzliche Kontrollinstanz und auch nicht darum, etablierte Fachberater zu ersetzen. Es geht um den Blick auf das Gesamtsystem: Wie entstehen Informationen? Wer bewertet sie? Wer widerspricht? Wer entscheidet? Und was geschieht, wenn sich wesentliche Voraussetzungen verändern?
Und die unangenehmste Frage: Hat das entscheidende Gremium tatsächlich verstanden, warum dieses Investment die erwartete Rendite erwirtschaften soll – und welches Risiko dafür übernommen werden muss?
Dafür lassen sich fünf Perspektiven unterscheiden: Waren die Informationen transparent, verständlich und rechtzeitig verfügbar? Waren Rollen und Verantwortung eindeutig? Wurden Interessenkonflikte und Gegenpositionen im Sinne der Unabhängigkeit ausreichend berücksichtigt? Verfügte das entscheidende Gremium über genügend Sach- und Fachkompetenz, um das Risiko tatsächlich zu verstehen? Und waren Informationswege, Monitoring und Eskalation auch unter Stress tragfähig?
Diese fünf Perspektiven bilden den Kern eines T.R.U.S.T.-Ansatzes. Entscheidend ist dabei weniger das Akronym als der Perspektivwechsel: Nicht noch eine Prüfung des Investments, sondern eine strukturierte Betrachtung der Entscheidung dahinter.
Machen Sie den Selbsttest
Nehmen Sie eine größere Immobilienanlage Ihrer Institution aus den Jahren 2021 oder 2022. Legen Sie die damalige Beschlussvorlage auf den Tisch und versuchen Sie, fünf Fragen zu beantworten: Warum haben wir genau dieses Investment gezeichnet? Welche wesentlichen Risiken wurden dem Entscheidungsgremium genannt? Welche Gegenargumente wurden dokumentiert? Welche Annahme hätte dazu geführt, dass wir nicht investiert hätten? Und wann wurde später erstmals überprüft, ob diese Annahmen noch Bestand hatten? Sind diese Fragen heute klar zu beantworten: hervorragend. Müssen dafür erst Akten rekonstruiert, ehemalige Mitarbeiter angerufen und frühere Berater befragt werden, haben Sie möglicherweise nicht nur ein Investmentproblem. Dann haben Sie ein Architekturproblem.
Die kurze Analyse des Selbsttests: „Wer wusste wann was?“
Gerade problematisch verlaufene Investments bieten eine Chance, diese Architektur sichtbar zu machen. Während die klassische Analyse Performance, Bewertung, Finanzierung und Managerleistung untersucht, stellt eine Post-Mortem-Betrachtung zusätzliche Fragen: Welche Informationen lagen wann vor? Wer verfügte darüber? Welche Warnsignale entstanden? Wem wurden sie berichtet? Und wann führte eine veränderte Informationslage tatsächlich zu einer neuen Entscheidung. Es geht um institutionelles Lernen, sozusagen Finanzbildung im professionellen Umfeld.
„Wer wusste wann was?“ ist deshalb keine Schuldfrage. Es ist eine Governance-Frage. Und sie führt unmittelbar zur Finanzbildung. Ein Stiftungsrat muss keinen Discounted-Cashflow berechnen. Ein Verwaltungsrat eines Versorgungswerks muss kein Immobilienbewerter sein. Aber wer über erhebliche Vermögenswerte entscheidet, sollte verstehen können, woher eine erwartete Rendite stammt, welches Risiko dafür übernommen wird und welche Annahmen die Investmentthese tragen. Finanzverständnis wird damit Teil guter Governance. Genau an dieser Stelle setzt Trust Architecture an.
Vielleicht ist das die nächste Entwicklungsstufe institutioneller Due Diligence. Wir haben gelernt, Immobilien zu prüfen. Wir prüfen Fonds, Manager, Bewertungen und Risiken. Nun könnte es an der Zeit sein, gelegentlich auch die eigene Entscheidung zum Prüfungsgegenstand zu machen. Die entscheidende Frage lautet also: Tragen diese Prozesse auch dann, wenn es schwierig wird? Die vergangenen Immobilienjahre haben genügend Anschauungsmaterial geliefert. Denn Vertrauen entsteht nicht durch gute Absichten. Es entsteht durch Transparenz, Verständnis und Verantwortung. Vertrauen hat einen Wert.
Edmund Pelikan ist Geschäftsführer der Stiftung Finanzbildung Consulting GmbH & Co. KG, Stiftungsberater, Finanzjournalist und Lehrbeauftragter an der Hochschule Landshut und beschäftigt sich mit der Verbindung von Finanzverständnis, Governance und institutioneller Resilienz.