Mediale Wahrnehmungsstörung könnte die Reputationsprobleme vergrößern – Kommentar von Edmund Pelikan
Eine Befragung unter Vertriebsmultiplikatoren hat ein ernüchterndes Bild gezeichnet: Die meisten von ihnen ziehen für ihre Anlageentscheidungen im Wesentlichen noch ein oder zwei Fachmedien heran. Was nach gesunder Selektion klingt, ist bei näherer Betrachtung ein strukturelles Warnsignal – für den gesamten Markt der Sachwertinvestments.
Hinter einem dieser bevorzugten Medien steht eine einflussreiche Finanzberatermesse, deren Teilnehmer und Aussteller zunehmend selektiv zugelassen werden. Diese Veranstalterarroganz wird vom Markt fast klaglos hingenommen – weil dieser Anbieter den Zugang zu den entscheidenden Vertriebsmultiplikatoren faktisch kontrolliert. Dass derselbe Veranstalter vor Jahren einen wegen Wertpapierbetrugs verurteilten Straftäter – bekannt als der „Wolf of Wall Street” – zu einem Motivationsreferat eingeladen hat, wurde damals kaum kommentiert. Man kennt den eigenen Einfluss. Und handelt entsprechend.
Der erste Denkfehler: Der klassische Beratermarkt stirbt – leise, aber sicher
Finanzberater im Sachwertbereich haben ein strukturelles Problem, das sich in Zahlen ablesen lässt. Das platzierte Eigenkapital in geschlossene Publikums-AIF ist von rund 1,2 Milliarden Euro im Jahr 2022 auf nur noch 438 Millionen Euro im Jahr 2025 eingebrochen – ein Rückgang von über 60 Prozent in drei Jahren.¹ Der klassische Beratermarkt für Sachwertinvestments verliert zugleich seinen Endkunden. Anleger holen sich ihre Informationen heute direkt aus dem Netz, über soziale Medien und – zunehmend – über Künstliche Intelligenz. Ob das wünschenswert ist, ist längst irrelevant. Es ist Realität. In fünf Jahren wird der klassische Sachwertberater für Privatanleger strukturell bedeutungslos sein. Wachsen werden nur jene, die sich konsequent auf professionelle und semiprofessionelle Anleger ausgerichtet haben.
Dass diese Realität im Bewusstsein der Branche noch nicht angekommen ist, zeigte sich für mich eindrücklich bei einem Gastvortrag an der Hochschule Landshut im BWL-Kompetenzkurs von Prof. Dr. Bernd Mühlfriedel zum Thema „Finanznachrichten richtig lesen lernen”. Studierende, die täglich Portfoliotheorien entwickeln und Aktien analysieren, waren verblüfft, wie systematisch sie durch Onlinemedien, soziale Netzwerke und halluzinierende KI-Systeme in ihrer Wahrnehmung fehlgeleitet werden. Der Informationsfokus verschiebt sich unaufhaltsam in Richtung digitaler Meinungsführer – mit allen damit verbundenen Risiken für Anlageentscheidungen.
Der zweite Denkfehler: Das selbst geschaffene Monopol
Sachwertanbieter schaffen ohne Not eine gefährliche Medienkonzentration – und sägen damit an dem Ast, auf dem sie sitzen. Ein erheblicher Teil der Marketingbudgets fließt heute an Medienagenturen, die 50 bis 80 Prozent dieser Mittel für sich beanspruchen. Die implizite Erwartung: Diese Agenturen platzieren ihre Klienten kostenfrei in den großen Magazinen. Das ist eine Illusion. Verlage, die selbst um jeden Anzeigenkunden kämpfen, werden kein redaktionelles Advertorial verschenken. Diese Fehlkalkulation wird sich mittelfristig rächen.
Die Konsequenz ist bereits sichtbar: Fachjournalisten, die den Sachwertmarkt über Jahre positiv-kritisch begleitet haben, ziehen sich sukzessive zurück. Es ist eine Frage der Existenz – und des Selbstrespekts. Die großen Tageszeitungen – Welt, Süddeutsche, FAZ, Handelsblatt – interessieren sich ohnehin nicht für monetäre Hofberichterstattung. AIF und ELTIF sind für deren Leser zu spitz, die Marktreputation nach den Insolvenzen von Immac, Project Investment oder One Group zu beschädigt.
Hinzu kommt: ELTIF 2.0 – das neue europäische Vehikel, auf das viele Hoffnungen gesetzt werden – ist in Deutschland bislang vor allem ein Versprechen geblieben. Deutsche Anleger hielten Ende 2025 rund 4,4 Milliarden Euro in ELTIFs.² Gemessen an dem, was der Markt braucht und was regulatorisch möglich wäre, ist das ein bescheidener Anfang. Der Knoten ist noch nicht geplatzt – er wird gerade erst gelockert.
Was zurückbleibt, ist kein Marktgleichgewicht
Wenn positiv-kritische Berichterstattung verschwindet, füllt sich das Vakuum nicht mit Stille. Es füllt sich mit etwas anderem – und das sollte der Branche zu denken geben.
Auf der einen Seite: ein oder zwei verbliebene Multiplikatoren mit faktischer Gatekeeper-Funktion. Auf der anderen Seite: Medien, deren Geschäftsmodell auf Schaden, Verdacht und negativer Berichterstattung basiert – und die sich darüber eine erhebliche Marktmacht erarbeitet haben. Wer als Anbieter auf deren Radar gerät, steht vor einer unangenehmen Wahl. Manche dieser Publikationen bieten kostenpflichtige „Beratungsleistungen” oder bezahlte Textbeiträge an. Und es ist kein Geheimnis, dass der Druck zur Zusammenarbeit dort besonders spürbar wird, wo die Berichterstattung kritisch zu werden droht. Das ist kein pauschaler Vorwurf an seriöse investigative Medien – kritische Berichterstattung ist unverzichtbar und hat ihren Platz. Aber das beschriebene Muster existiert, und es schadet dem Markt insgesamt.
Meine Prognose
Binnen zwei bis drei Jahren wird die Medienlandschaft rund um Sachwertinvestments weiter erodieren. Kritische – und teilweise destruktive – Publikationen werden an Einfluss gewinnen. Das Berichterstattungsmonopol der verbliebenen Multiplikatoren wird enger. Und in der Welt der sozialen Medien und KI-Algorithmen werden Negativmeldungen nach oben gespült und dauerhaft sichtbar bleiben – während ausgewogene Berichte in der Versenkung verschwinden.
Das Ergebnis: Qualitätsanbieter, die zwischen negativer Stimmungsmache und Monopolstrukturen zerrieben werden, verlieren – unabhängig von der tatsächlichen Güte ihres Produkts. Wer nicht aufpasst, finanziert mit seinem konzentrierten Medienbudget exakt jene Strukturen, die ihn langfristig gefährden.
Was jetzt gebraucht wird
Das gute alte Prinzip „Leben und leben lassen” klingt unspektakulär. Aber es trifft den Kern. Positiv-kritische Marktbeobachter und unabhängige Fachberichterstatter sind kein lästiges Beiwerk. Sie sind ein notwendiges Gegengewicht zu Algorithmen, die Empörung belohnen, und zu sozialen Medien, die Fakten zunehmend irrelevant machen. Der Markt braucht beide – konstruktive wie kritische Stimmen – um in Balance zu bleiben. Zum Wohl mündiger Anleger, die sich eine eigene Meinung bilden wollen.
Wer das nicht versteht und weiter auf Monokultur setzt, beschleunigt den eigenen Abstieg. Der Luftröhrenschnitt ist keine Metapher. Er ist überfällig. Und die Uhr tickt.
Denken Sie in Werten – im doppelten Sinn.
Edmund Pelikan ist Geschäftsführer der Stiftung Finanzbildung und Lehrbeauftragter an der Hochschule Landshut.
Quellen
¹ Scope Analysis GmbH: Marktbericht Geschlossene Publikums-AIF 2025. Platziertes Eigenkapital 2022: ca. 1,2 Mrd. Euro; 2025: 438 Mio. Euro, März 2026.
² Scope Analysis GmbH / Börsen-Zeitung: ELTIF-Marktbericht Deutschland 2025. Deutsche Anleger hielten Ende 2025 rund 4,4 Mrd. Euro in ELTIFs (Rang 2 in Europa). Veröffentlicht März/April 2026.